Image Hosted by ImageShack.us
 
 

„Getrennt funktionieren wir einfach nicht richtig." - Bill Kaulitz

 GQ-Magazin

Wenn Tokio Hotel am 22. Februar den 21 Shows starken ersten Teil der "Welcome To Humanoid City" - Tour starten, stehen Konzerte im Moskauer Olympiastadion an, in Barcelona, Paris, Rom - und (vorerst) nur zwei deutsche Termine in Oberhausen und Hamburg (26. und 28.02). Ein indiz dafür dass die Schulfreunde aus Magdeburg mit ihrem melancholisch-metallischen Glamrock längst echte Welstars sind. Wie Tokio Hotel sich stilistisch eigenwillige, ebenso kreative wie kampfbereite jungkünstler in einer Welt behaupten, die den Respekt vor ihnen erst noch lernen muss, erzählten uns die 20-jährigen Zwillinge Bill (Gesant) und Tom Kaulitz (Gitarre) nach dem spektakulären GQ-Fotoshoot in Hamburg.

Bill und Tom Kaulitz, wir haben uns mit Ihnen ohne Ihre zwei Bandkollegen Gustav Schäfer und Georg Listing verabredet. Sind die nun beleidigt?
Tom:
Im Gegenteil. Die sagen Danke und legen die Beine hoch.
Bill: Wenn es nach Gustav und Georg ginge, würden sie bei Tokio Hotel nur Bass und Schlagzeug spielen und sich aus allem anderen raushalten.

Zieht sich ein Spalt durch die Band?
Bill:
Aber nein. Das hat sich schon in den ganz frühen Tagen herauskristallisiert: Den granzen Kram mit Fotos, Interviews und roten Teppichen überlassen sie lieber uns beiden. Vor sechs, sieben Jahren wollten zwar nur Reporter von kleinen Stadtmagazinen mit uns sprechen, aber auch damals haben vor allem Tom und ich die Band präsentiert.

Ihre zwei kollegen wohnen noch daheim in Magdeburg. Sie dagegen sind schon vor fünf Jahren nach Hamburg gezogen.
Bill:
Gustav und Georg haben während unserer ersten Studioproduktion auch hier gewohnt, sind dann aber schnell wieder zurückgegangen. Ehrlich gesagt: So ganz kann ich das nicht nachvollziehen. Aber vielleicht sind Tom und ich da auch Spezialfälle. Die Kindheit war eine anstrengende Zeit für uns. In einem Dorf bei Magdeburg zur Schule zu gehen, das fühlte sich wie blanker Horror an. Wir waren heilfroh von dort wegzukommen.

Viele Bilder aus diesen Jahren findet man im Internet. Ist die peinliche Kindheit nicht privat? Wie sind die da hingekommen?
Bill:
Einige wurden von unseren ehemaligen Klassenkameraden veröffentlicht. Andere haben wir selbst an die Presse gegeben: Baby- und Kinderfotos von uns, auch Eindrücke von frühen Auftritten, als Tokio Hotel noch Devilish hießen.

Sie brauchen gar kein Fotoalbum mehr - Sie können die eigenen Erinnerungen einfach googeln.
Bill:
Neulich hatten wir uns vorgenommen, endlich mal wieder mehr zu fotografieren. Wir reisen in so viele schöne Städte, erleben so viel, was man dokumentieren sollte... Dann fiel uns auf: Brauchen wir gar nicht! Weil wir sowieso immer einen Kameramann dabeihaben. Die private Fotografie haben wir aufgegeben.

Bei vielen anderen deutschen Teenager-Popbands ging der Rummel nach einer Saison vorbei. Tokio Hotel dagegen sind mit gewonnenen MTV-Awards, ausverkauften Tourneen in Europa und Chartplatzierungen in den USA ein Welterfolg. Um dieser Anforderung gerecht zu werden: Muss man sich entscheiden sein Leben rigoros in der Öffentlichkeit zu leben?
Bill:
Tom und ich haben diese Entscheidung tatsächlich für uns getroffen. Mit allen negativen Seiten - aber wir haben gelernt damit umzugehen. Schlimm wird es nur, wenn Leute mit hineingezogen werden, die das eben nicht wollen: Eltern, Verwandte, Freunde. Wir tun alles was wir können, um sie vor der öffentlichen Neugier zu schützen. Aber wenn man den Namen Kaulitz trägt, ist es heute schwer, ein normales Leben zu führen.

Popstar zu sein, auch wenn sie dafür dieses normale Leben fast ganz opfern müssen - wann genau haben Sie sich dafür entschieden?
Bill:
Schon mit 15. Da kam unsere erste Single "Durch den Monsun" heraus. Als die durch die Decke ging war das erst mal total geil. Dann kamen die ersten Schlagzeilen...
Tom: ...und wir wurden gleich mit dem vollen Programm konfrontiert!
Bill: Die ersten Geschichten in der Boulevardpresse gab es schon früher. Und als unser Song dann im Radio lief und die Ansprüche wuchse, haben wir uns kurz gefragt: Was wird das hier eigentlich? Worauf lassen wir uns da ein? Ich ließ zum Beispiel mal irgendwo ein Glas stehen - das konnte man gleich am nächsten Tag bei eBay ersteigern. Solche Erfahrungen sind aber eine gute Schule. Wir haben früh angefangen und deshalb auch alles früh gelernt. Tokio Hotel ist kein Beruf, sondern unser ganzes Leben. Außerhalb davon bleibt praktisch nichts übrig, nur der erste Familienkreis. Für das Jahr, in dem wir unser neues Album produzierten, hatten wir uns strikt vorgenommen, nicht in der Presse stattzufinden. Das hat überhaupt nicht funktioniert.
Tom: Es gibt halt keinen Schalter den man umlegen kann. Keinen Feierabend.

[...]

Gab es denn wenigstens auch mal eine Panne, die die Aufregung wert war? Dass das Plattencover nicht den richtigen Farbton hatte oder etwas in der Art?
Tom:
(holt tief Luft) Das wäre ja eine Vollkatastrophe. Da würde ich komplett ausrasten.
Bill: Wenn das passieren würde, könnte ich den Rest des Jahres nicht mehr ruhig schlafen...
Aber mir fällt ein Beispiel ein: Einige Songs unseres letzten Albums "Humanoid" wurden illegal im internet hochgeladen, drei Monate vor der Veröffentlichung. Ich konnte es kaum glauben, dass uns einfach jemand die Kunst raubt, in die wir so viel Zeit und so viel Energie gesteckt hatten.

Ein derzeit verbreitetes Problem. Wir haben sie reagiert?
Bill:
Wir werden keine Musik mehr vorab an die Plattenfirma geben. Dort gerät sie teilweise an die falschen Hände. Vorsichtig waren wir schon früher, aber aus der Geschichte haben wir wieder was gelernt.
Tom: Alles muss im kleinstmöglichen Kreis bleiben. Auf der Businessebene sind bei Tokio Hotel ja schon so viele Firmen insolviert: das deutsche Label, das französische, Interscope in Amerika und, und, und. Da mischen sich unzählige Menschen ein, das ist nicht mehr zu überblicken.

Wenn die Musik ein so hochemotionales Thema ist - setzt das ganze Bandprojekt nicht auf Dauer auch die Bruderliebe aufs Spiel?
Tom:
könnte man so sehen. Theoretisch. Wir haben beide das Problem, dass wir uns zu oft auf die negativen Dinge konzentrieren. Wenn eine schlechte Nachricht komm, sind die 20 guten sofort vergessen, die es vorher so gab. Bad news stellen einen nun mal vor die Aufgabe, die Situation zu retten. Positive Dinge kann man abhaken.
Bill: Das ist ja typisch Zwillingsding: Wenn ich mal glücklich bin, hat Tom 10 000 Sachen im Kopf, die ihn aufregen. und umgekehrt. Dass wir beide zufrieden und entspannt nebeneinander auf der Couch sitzen, kommt einmal im Jahr vor.
Tom: Ich glaube eher, das gab´s die letzten fünf Jahre nicht.

Man könnte fast glauben, dass man Ihrer Musik das anhört. Teenagerband klingen ja meistens eher unbeschwert, wenig bedrohlich, konsumfördern - die Songs von Tokio Hotel waren von Anfang an erstaunlich düster, ernst, frei von kindlicher Naivität. Wie um Himmels willen konnten Sie zwei Dickköpfe sich bloß auf einen einheitlichen Musikstil einigen?
Bill:
Gute Frage. Privat streiten wir uns nur über Musik. Er hört ausschließlich Hip-Hop, ich höre alles Mögliche. In der Hinsicht können wir uns gegenseitig nicht verstehen.
Tom: Als wir anfingen, war es einfach - weil wir überhaupt keine Wahl hatten! Wir haben uns nie hingesetzt und beraten: Lass uns doch so oder so klingen, wie die oder die andere Band. Unsere Möglichkeiten waren beschränkt, wir machten einfach das, was wir konnten. Interessanterweise ist der gewisse Style, der sich daraus ergeben hat, bis heute konstant geblieben: Durch unser Schaffen geht ein roter Faden, eine klare Linie.

Aber wenn man Sie heute so sieht - den glamourösen Außerirdischen Bill, den geerdeten Streetstyler Tom -, würde man nie auf die Idee kommen, dass Sie Zwillinge sind. Wann kam der Punkt, an dem Sie sich stilistisch auseinanderentwickelten?
Bill:
Das ist kompliziert zu erklären. Wir wollten eben irgendwann beide aus dem Schatten des anderen heraustreten. Raus aus diesem penetranten öffentlichen Zwillingsdasein. Können Sie sich das vorstellen? In der Schule hieß es immer: die Zwillinge hier, die Zwillinge da... Andererseits ist das ganz natürlich, dass jeder seine eigene Identität entwickelt. Dass wir zwar alles zusammen machen, aber irgendwie auch wieder nicht.
Tom: Ich würde das so erklären: Alles, was ein kompletter Mensch in sich trägt, haben wir untereinander aufgeteilt. Jeder sich seinen Bereich ausgesucht und seine Fähigkeiten spezialisiert. Bill geht mehr in die kreative Richtung, ich mehr in die Businessecke. Wenn man alles zusammennimmt, sind wir aber wieder eine Person, ein Mensch. Ein sehr breit gefächerter.



Heißt das auch, Sie waren die ganzen Jahre über nie Konkurrenten?
Bill:
Wir haben uns nie überlegt, wer von uns der Lieblingssohn ist und wer das schwarze Schaf. Wir waren immer ein Team. Wie gesagt, sind wir ja schon mit 15 ausgezogen, standen auf eigenen Beinen, verdienten unser eigenes Geld. zeit für Kinderreien hatten wir nicht - alles passierte bei uns sehr früh. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sich Toms und mein Leben jeweils mit doppelter Geschwindigkeit entwickelt hat. Weil jeder dem anderen das beigebracht hat, was er eben gelernt hatte. Eineiige Zwillinge werden schneller erwachsen, weil sie alles teilen. Auch Lebenserfahrungen

Wie ein Mensch mit vier Ohren.
Tom & Bill:
Genau!
Tom: Ein Einzelkind erlebt alle Situationen allein, hat auch immer nur die eigene Sicht der Dinge. Wir haben immer alles ausgetauscht. Und jeden Aspekt von allen Seiten beleuchtet.
Bill: Unsere Mutter hat immer erzählt: Wenn sie uns ins Bett brachte und das Licht ausknipste, war es völlig klar, dass wir noch mindestens eine Stunde lang wach lagen, uns Sachen erzählten und diskutierten. Im Prinzip ist das heute noch so.

Haben Sie Ihrer Mutter dann auch gesagt "Mama, wenn wir groß sind kaufen wir dir einen Cadillac"?
Bill:
Das nicht, aber wir wollten schon immer mit unserem Taschengeld auf eigenen Beinen stehen. Wir haben richtig gehaushaltet, damit es für Klamotten, Handy und alles andere reicht. Verantwortung zu tragen war für uns nichts Bedrohliches. Schon mit 15 fühlte ich mich besser, wenn ich wusste, dass ich meine Wohnung selbst bezahle und alleine den Kühlschrank füllen kann.

Haben Sie sich denn je einen weiteren Bruder oder eine Schwester gewünscht?
Bill:
Nein, nicht wirklich.
Tom: Das wäre schwierig geworden für den Neuankömmling. Wir hatten schon immer eine so starke Verbindung - Außenstehende kommen da nie hundertprozentig rein. Auch nicht imaginäre Geschwister.
Bill: Mit einem halben Jahr Abstand hätte es vielleicht geklappt. Aber das geht biologisch nicht wirklich (lacht).

Was wäre eigentlich passiert, wenn nur einer von Ihnen berühmt geworden wäre? Hätten Sie trotzdem unzertrennliche Zwillingsfreunde bleiben können?
Tom:
Ich glaube schon! Vielleicht hätte sich das erst mal in verschiedene Richtungen entwickelt. Der eine wäre Musiker geworden, der andere hätte vielleicht studiert. Aber spätestens, wenn einer dann in seinem Bereich richtig erfolg gehabt hätte, hätte er den anderen mit reingezogen. Bill hätte mich als sein Manager eingestellt. Oder wenn ich zum Beispiel Industriedesign studiert hätte, hätte ich ihn irgendwann in meine Firma geholt.
Bill: Damit keine Gerüchte aufkommen: Was ich jetzt sage, ist wirklich nur ein Gedankenspiel. Aber falls ich jemals woanders singen sollte, außerhalb von Tokio Hotel, dann würde das auch nie ohne Tom gehen. Selbst wenn ich da allein auf dem Foto wäre - er müsste im Hintergrund dabei sein. Und mir mit Rat und Tat zur Seite stehen. Getrennt funktionieren wir einfach nicht richtig



13.1.10 20:00

bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Kamilla (14.1.10 23:42)
Vielen, vielen Dank, dass du hast diesen Interviev auf deinem Blog gegebst))!! Ich wohne in Polen und habe keine Moeglichkeiten, um kaufen mich diese Zeitung...((
PS: Toll Piczo ) Diese alte auch

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen